Autorin

Sybille Zolczer ist seit 2009 in der Universitätsklinik Balgrist tätig. Sie betreut seit 2015 als Pflegefachfrau HF und Wundexpertin Patientinnen und Patienten in unserem Zentrum für Paraplegie. Ihre Hobbys sind Spaziergänge im Wald oder in den Bergen. Sie bäckt und liest gerne.

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Die Schweizerische Paraplegiker-Vereinigung (SPV) bietet jedes Jahr verschiedene Gruppenreisen für Aktivmitglieder mit Tetraplegie an. Das Ziel dieser Reisen ist es, Tetraplegikern Ferien mit professioneller Pflegebetreuung zu ermöglichen und gleichzeitig die betreuenden Angehörigen während dieser Zeit zu entlasten.

Ein Tetraplegiker der Reisegruppe auf dem Weg zum Strand

Die Eins-zu-eins Pflege während der Gruppenreise erfolgt durch freiwillige Pflegehilfspersonen, die unterschiedliche Vorkenntnisse mitbringen. ParaHelp stellt die pflegerische Betreuung der Tetraplegiker durch zwei professionelle Pflegeleitungen (Pflegefachpersonen) sicher. Im September 2019 durfte ich mit acht Tetraplegikern und neun Pflegehilfspersonen im SPV-Car nach Grado, Italien, in die Badeferien reisen. Zwei junge, starke Männer bildeten mit mir zusammen die Pflegeleitung. Die meisten waren neugierig, mit wem sie diese Woche verbringen werden. Der Tetraplegiker und die freiwillige Pflegehilfsperson kannten sich zum grössten Teil nicht. Im Car hatten wir jedoch genügend Zeit, uns während der gut zehnstündigen Fahrt kennen zu lernen. Mich freute zu sehen, wie mancher Tetraplegiker während der Fahrt seine Haut entlastete und somit praktische Dekubitusprophylaxe durchführte.
 

Stadtführung mit Hindernissen

Das Grand Hotel Astoria war ausreichend rollstuhlgerecht. Nur die Lifte waren sehr eng bemessen und in einzelnen Zimmern gab es kleine Hindernisse im Bad. Mit jeweils vier Holzklötzen erhöhten wir die Betten der Tetraplegiker, um uns die Transfers vom Rollstuhl ins Bett und umgekehrt zu erleichtern.Anfangs Woche war das Wetter trüb, kühl und regnerisch. Zwei Tetraplegiker gönnten sich ein Bad im warmen Pool des Hotels.

Der holprige Pflasterstein-Belag neben dem Canale Grande löste bei einem Rollstuhlfahrer eine starke Spastik aus.

Zwei weitere Teilnehmer kamen dazu, um sich etwas aufzuwärmen. Dieser Raum war sehr warm. Wir unterstützten die Badefreudigen und halfen ihnen mit einem Dusch-Rollstuhl ins Wasser. Am Dienstag unternahmen wir zusammen einen Ausflug nach Triest, mit Stadtführung. Eindrücklich war für mich, dass es Strassen gibt, die für Tetraplegiker ungeeignet sind. Der holprige Pflasterstein-Belag neben dem Canale Grande löste bei einem Rollstuhlfahrer eine starke Spastik aus. Dies war für ihn sehr anstrengend und auch gefährlich – er hätte aus dem Rollstuhl fallen können. So konnte er unmöglich die ganze Strasse mit uns unterwegs sein und nahm mit seiner Pflegehilfsperson einen anderen Weg.
 

Mit dem Rollstuhl am Strand von Italien

Von Mittwoch bis Freitag zeigte sich die lang ersehnte Sonne und das Badewetter. Nicht alle Tetraplegiker wollten ins Meer. Einige freuten sich auf die Wärme und das Sonnetanken auf den Strand-Liegestühlen. Die Liegestühle polsterten wir mit Therma-Rest-Matten sowie Wolldecken zur Dekubitusprophylaxe. Am Strand von Grado gab es zwei gut geeignete Strand-Rollstühle mit breiten Rädern. Mit diesen Rollstühlen kamen wir gut vorwärts im Sand und wir konnten unsere Tetraplegiker mit wenig Anstrengung ins Meer schieben.

Tetraplegiker leiden unter ihrer fehlenden Unabhängigkeit und  stets auf die Hilfe von Anderen angewiesen zu sein.

Jeder Tetraplegiker musste zur Sicherheit einen Schwimmkragen tragen. Einer konnte sogar mit Hilfe von einer Schwimmnudel unter den Knien selbständig auf dem Rücken schwimmen. Er genoss das Meer sichtlich und blieb jedes Mal 45 Minuten lang im Wasser.Für einen anderen Teilnehmer war es das erste Mal Schwimmen im Meer seit seinem Unfall im Jahr 2000. Das war für ihn ein sehr besonderes Erlebnis! Tetraplegiker leiden unter ihrer fehlenden Unabhängigkeit und  stets auf die Hilfe von Anderen angewiesen zu sein. Sie freuen sich über jede Kleinigkeit, die sie selbst ausführen können. Was mich an der Reisegruppe mit den Tetraplegikern begeisterte war die Gruppenatmosphäre. Die Teilnehmer waren sehr aufgestellt, verständnisvoll und dankbar. Unser Anliegen war es, den Tetraplegikern die grösstmögliche Selbständigkeit und Selbstbestimmung zu gewährleisten, was sie sehr schätzten.

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