Claudia Clausnitzer - Tanja Herzog

Autorin

Tanja Herzog ist stellvertretende Teamleiterin der Physiotherapie im Zentrum für Paraplegie und arbeitet seit 2011 in der Universitätsklinik Balgrist. Erfahrungen im Bereich der Wassertherapie konnte sie einerseits während ihrem Studium im Master für Sportphysiotherapie als auch bei ihrer früheren Tätigkeit in der Rehabilitation von Schlaganfallpatienten sammeln.

    –     Claudia Clausnitzer arbeitet seit zehn Jahren als Physiotherapeutin und hat sich seit ca. acht Jahren unter anderem auf die Therapie im Wasser spezialisiert. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet sie im Zentrum für Paraplegie Balgrist und ergänzt das Team der Physiotherapie mit ihrem fundierten Wissen.

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Wir erinnern uns noch ganz genau an unseren Patienten mit einer inkompletten Paraplegie, den wir gemeinsam betreut haben. Er war ein leidenschaftlicher Schwimmer und er liebte es, sich sportlich zu betätigen. Durch die Erkrankung war er nicht in der Lage zu stehen oder zu gehen.

Der Patient war Paraplegiker und verbrachte seinen Alltag im Rollstuhl. Eines Tages verkündeten wir ihm voller Enthusiasmus, dass wir mit der Wassertherapie starten. Dieses Prozedere wird bei allen betroffenen Patientinnen und Patienten zuerst im interdisziplinären Team, bestehend aus Pflegenden, Ärzten/-innen und evtl. Psychologen/-innen, besprochen. In ein paar Tagen war es nun also soweit. Wir baten den Patienten, sich eine Badehose zu organisieren und erwarteten, dass er unsere Vorfreude teilen würde. Doch leider stellten wir viele Fragezeichen und ein wenig Panik in seinen Augen fest. Seine Antwort war sehr wortkarg und uns war sofort klar, dass wir ihm seine Bedenken nehmen mussten.
 

Wie komme ich ins Schwimmbecken und vor allem wieder heraus?

Wir haben bei uns im Hallenbad der Universitätsklinik Balgrist je nach Fähigkeit der Patienten verschiedene Möglichkeiten, ins Schwimmbecken zu gelangen. Einerseits gibt es eine Treppe, welche mit einem beidseitigen Geländer ausgestattet ist. Zum anderen können immobile Personen über eine elektronische Liege ins Wasser transferiert werden und der erhöhte Beckenrand ermöglicht es ihnen, bei einem Transfer vom Rollstuhl bereits auf Wasserhöhe zu sitzen.
 

Wie verhalte ich mich im Wasser, da ich nicht mehr schwimmen kann?

Wir Physiotherapeuten/-innen begleiten den Patienten ins Wasser. Dabei geht es in erster Linie um das neue Kennenlernen seines eigenen Körpers. Wir erarbeiten zusammen mit der betroffenen Person die Fähigkeit, ihre eigenen Ressourcen optimal einzusetzen und mit den positiven Eigenschaften des Wassers zu verknüpfen. Durch den Auftrieb im Wasser reduziert sich das Körpergewicht und somit ist zum Beispiel eine aufrechte Position wie das Stehen deutlich einfacher als auf festem Boden.

Die Patienten/-innen können je nach Mobilitätsgrad das Schwimmen neu erlernen, ihre Kondition sowie Ausdauer trainieren und sich sportlich wieder betätigen.

Dazu kommt, dass sich eine erhöhte Muskelspannung dank der warmen Wassertemperatur von 31 bis 34 Grad deutlich besser regulieren lässt. Die Patienten empfinden im Wasser oft eine Art Freiheitsgefühl. Bewegungen werden durch den Wasserwiderstand kontrollierter ausgeführt und es ist möglich, verschiedene Bewegungen auszuprobieren. Ein weiterer Punkt, der ebenfalls positiv beeinflusst und trainiert werden kann, ist die Atmung und das Herzkreislaufsystem. Die Patienten können je nach Mobilitätsgrad das Schwimmen neu erlernen, ihre Kondition sowie Ausdauer trainieren und sich sportlich wieder betätigen.
 

Was bringt mir das Wasser?

Durch die oben genannten positiven Eigenschaften konnte unser Patient die Beine trotz Kraftverlust besser bewegen und durch den Wasserwiderstand sogar an Kraft gewinnen. Ausserdem waren altbekannte Bewegungsabläufe leichter zum Abrufen parat. Entscheidend ist zudem, dass sich die Querschnittgelähmten im Wasser häufig sicherer fühlen als an Land, da ein Sturz nicht möglich ist und sie durch die therapeutische Begleitung weitere Sicherheit gewinnen. Es ist für uns Physiotherapeuten/-innen im Vergleich zur Therapie an Land viel leichter, dem Betroffenen zur angestrebten Körperposition zu verhelfen. All diese Faktoren führen dazu, dass die Patienten/-innen eine grössere Motivation entwickeln – sowohl innerhalb als auch ausserhalb des Wassers. Dies gibt ihnen mehr Selbstvertrauen und eine bessere Körperwahrnehmung.
 

Ist diese Therapie nicht sehr aufwändig?

Durch das erfahrene Personal erfolgen die Abläufe sehr routiniert. Stationäre Patienten/-innen werden je nach Lähmungsniveau bei der Vor- und Nachbereitung durch die Pflegefachpersonen beziehungsweise durch die Badassistenz unterstützt. Der Aufwand ist dadurch sehr unterschiedlich. Gemessen am Freiheitsgefühl, das für die Patienten resultiert, ist für uns kein Aufwand zu gross.

Als wir ihn nach der Rehabilitation wieder getroffen haben, berichtete er als erstes, dass er nun zweimal pro Woche schwimmen geht und sogar an der Seeüberquerung teilgenommen hat.

Im Nachhinein war der Patient sehr dankbar für die Möglichkeit, die wir ihm durch die Therapie im Wasser ermöglicht haben. Es war für ihn eine wertvolle Erfahrung, denn er konnte seine zuvor bestehende Angst überwinden und es war wie im Traum. Als wir ihn nach der Rehabilitation wieder getroffen haben, berichtete er als erstes, dass er nun zweimal pro Woche schwimmen geht und sogar an der Seeüberquerung teilgenommen hat. Was gibt es schöneres für einen Physiotherapeuten, als ein derartiges Feedback zu erhalten?

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